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Texte für Trauungen

Es macht Eure Trauung ganz besonders, wenn Trauzeugen oder Gäste sich in die Zeremonie mit einbringen. Zum Beispiel mit einem Gedicht oder einer Geschichte. Es gibt unzählige viele schöne Texte, die sich hervorragend für eine Trauung eignen. Im Folgenden habe ich ein paar aufgeführt.

Liebe


Unter Tausenden von Menschen
hast du uns auserwählt.

Zuerst hast du deine sanften Vorboten geschickt,
die sich in uns wie Funken versprühten.

Du hast erkannt, dass wir dich
mit offenen ehrlichen Herzen erwarten.

So gut aufgenommen, konntest du dich
stark und tief in uns entfalten.

Wie ein starkes Band um unsere beider Seelen gewunden
gibst du uns Zusammenhalt und Kraft.
Du verlangst nach Geduld, Vertrauen und Sicherheit,

nur so kannst du stetig wachsen.
Stabil genug, um endlos zu erblühen,
weist du uns den Weg,
in unsere vereinte Gemeinschaft
die sich Ehe nennt,
Wir wollen dich pflegen und dir treu bleiben,

dir für ewig ein gutes Heim bieten.
Wir sind endlos glücklich,
dass du uns auserwählt hast.
Du schönstes aller Gefühle,

wir nennen dich
LIEBE

Segenswunsch

Ich wünsche euch nicht alle möglichen Gaben.

Ich wünsche euch nur, was die meisten nicht haben:

Ich wünsche euch Zeit, euch zu freun und zu lachen,

und wenn ihr sie nutzt, könnt ihr etwas draus machen.

Ich wünsche euch Zeit für das Tun und das Denken

nicht nur für euch selbst, sondern auch zum Verschenken.

Ich wünsche euch Zeit – nicht zum Hasten und Rennen,

sondern die Zeit zum Zufriedenseinkönnen.

Ich wünsche euch Zeit – nicht nur so zum Vertreiben.

Ich wünsche, sie möge euch übrigbleiben

als Zeit für das Staunen und Zeit für Vertraun,

anstatt nach der Zeit auf der Uhr nur zu schaun.

Ich wünsche euch Zeit, nach den Sternen zu greifen,

und Zeit, um zu wachsen, das heißt, um zu reifen.

Ich wünsche euch Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.

Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.

Ich wünsche euch Zeit, zu euch selbst zu finden,

jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.

Ich wünsche euch Zeit, auch um Schuld zu vergeben.

Ich wünsche euch: Zeit zu haben zum Leben.

nach Elli Michler

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"Nicht Worte sollen wir lesen, sondern den Menschen, den wir hinter den Worten fühlen"


Samuel Butler

Feuer und Wasser

 

Als Feuer und Wasser sich das erste Mal begegneten, waren sie voneinander fasziniert. Das Feuer war ungestüm und temperamentvoll, leuchtend und heiß, brodelnd und aufregend. Das Wasser hingegen floss ausgeglichen vor sich hin, war klar und beruhigend, glitzernd und erfrischend. Staunend betrachteten sich Feuer und Wasser. Beide entdeckten am anderen unzählige Eigenschaften und Besonderheiten, die sie an sich nicht kannten. Und da sich Gegensätze bekanntlich anziehen, blieb es nicht aus, dass sich Feuer und Wasser ineinander verliebten. Sie trafen sich, hatten Spaß miteinander, lernten voneinander und ergänzten sich wunderbar. Weil sie sich gegenseitig so kostbar geworden waren, beschlossen Feuer und Wasser, für immer zusammenzubleiben. Sie feierten ein großes Fest. Viele Gäste waren geladen – auch der Wind. Der schenkte ihnen eine bauchige Flasche mit wertvollem Inhalt. Nach der Feier öffneten Feuer und Wasser die Flasche und entnahmen daraus eine alte Schriftrolle. Auf dem Pergament stand Folgendes geschrieben: “Passt auf, dass ihr eure Individualität behaltet! Ihr seid so verschieden und schätzt dies aneinander. Hütet diesen Schatz, denn dieser ist das Geheimnis eurer Liebe. Respektiert eure Grenzen! Lernt voneinander, aber versucht nicht, euch gegenseitig umzuerziehen! Entdeckt immer wieder Neues aneinander! Glaubt nie, dass ihr das Geheimnis des anderen gelüftet habt, und achtet einander jeden Tag eures gemeinsamen Lebens!” Feuer und Wasser lasen die Flaschenpost aufmerksam durch und dachten darüber nach. Dann stellten sie die bauchige Flasche gut sichtbar in ihrer gemeinsamen Wohnung auf, um immer wieder an deren Inhalt erinnert zu werden.

Der kleine Prinz

Und der kleine Prinz kam zum Fuchs zurück. „Adieu“ sagte er ... „Adieu“, sagte der Fuchs. „Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

„Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig.“ „Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe...“, sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

„Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen“, sagte der Fuchs. „Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich...“. „Ich bin für meine Rose verantwortlich ...“, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

 

Antoine de Saint-Exupery, aus: „Der kleine Prinz“

Besinnung
 

(Franziska Zohner-Kienesberger, nach Gerhard Kiefel)

 

 

Ich wünsche euch,
dass ihr euch annehmt,
nicht nur in den Stunden der Zärtlichkeit und Freude,
sondern auch in Zeiten des Fremdseins und Versagens.
 

Ich wünsche euch,
dass ihr nach Haus kommen könnt,
wenn ihr beschwert seid von Misserfolg und Niederlagen,
und wenn ihr euch selber nicht mehr leiden könnt.
 

Ich wünsche euch,
dass ihr Partner bleibt,
und euch um gegenseitiges Verstehen bemüht,
auch wenn ihr das Verhalten des anderen nicht gutheißen könnt.
 

Ich wünsche euch,
dass ihr eure aufrichtige Überzeugung sagt
und dabei eure Liebe spüren lasst,
die befreiend wirkt zur Änderung eures Lebens und für einen neuen Anfang.
 

Ich wünsche euch,
dass ihr eure Armut und Schwächen voreinander zugeben könnt
und dass ihr euch lieb behaltet trotz oder wegen eurer Schwächen.
 

Ich wünsche euch,
dass ihr euch gegenseitig herausfordert
zu Fairness und Barmherzigkeit allen Menschen gegenüber,
auch jenen die schwach und alt und verachtet sind in unserer Gesellschaft.
 

Ich wünsche euch,
dass ihr einander vergeben und vergessen könnt,
dass ihr euch entschuldigen könnt,
wenn ihr einen Fehler gemacht habt,
dass ihr euch nach einem Streit
die Hand zur Versöhnung wieder reichen könnt.
 

Ich wünsche euch,
dass ihr euren Glauben und eure Ideale nicht verleugnet,
auch wenn die anderen zweifeln und kritisieren,
und dass ihr nicht zu stolz seid,
für euer ganzes Leben und für die Gemeinschaft mit Gott zu danken.
 

Ich wünsche euch Liebe.

Liebe nicht obwohl und nicht deshalb,
nicht trotzdem und auch nicht weil,
sondern ohne Wenn und Aber.

Für immer

 

Ich möchte für immer empfinden ...

 

Mit dir geboren worden zu sein
aus der Unendlichkeit des Seins
in eine Welt der Vergeistigung des Staubes.

Mit dir gewachsen zu sein
aus der Unschuld der kindlichen Neugierde
in die Tiefe des menschlichen Strebens.
 

Mit dir gereift zu sein

aus der unbändigen Kraft des Suchens

in das beglückende Gefühl der Gemeinsamkeit.

Mit dir die Früchte des Lebens zu ernten
aus dem Wunsch, das Leben zu beschützen
in die Sicherheit, das Leben zu erhalten.

Mir dir zu leben
aus dem Gefühl einer tiefen Dankbarkeit
in die Ewigkeit, um zu Staub zu werden.
Für immer!

(Reinhard Lehmitz)

Das Versprechen

 

Ich will wachen, wenn Du müde bist.
Ich will erinnern, wenn Du vergisst.
Ich will schweigen, wenn Du Recht hast.
Ich will sprechen, wenn Du irrst.
Ich will vorangehen, wenn Du zögerst.
Ich will stark sein, wenn Du versagst.

Ich will gehen, wenn Du allein sein musst.

 

Ich werde aber immer da sein,
wenn Du mich brauchst.

Christa Alden

Versprechen

Ich kann Dir nicht versprechen ...
mich nie zu ändern,
nie schlechte Laune zu haben,
nie Deine Gefühle zu verletzen,
nie unberechenbar zu sein,
meine Schwächen nie zu zeigen.
 
Aber - ich verspreche Dir ...
Dir immer beizustehen,
all meine Gedanken mit Dir zu teilen,
Dich nie einzuengen,
all Deine Handlungen zu verstehen,
immer offen und ehrlich zu sein,
mit Dir zu lachen und zu weinen,
Dir zu helfen, Deine Ziele zu erreichen. 

Mein größtes Versprechen ist,
Dich ewig zu lieben.

Deine Hand

Ich habe deine Hand, um ...

sie zu halten, wenn du alleine bist
sie zu streicheln, wenn du Zärtlichkeit suchst
dich zu wärmen, wenn du frierst
dir aufzuhelfen, wenn du gefallen bist
dich zu führen, wenn du den Weg suchst
dich zu beschützen, wenn du Hilfe brauchst
bei dir zu sein, wenn du meine Nähe suchst
dich zu stärken, wenn du schwach bist
dir zu zeigen, dass ich stets für dich da bin.

Um dir wortlos zu sagen: Ich liebe dich!

Zwei Igel

 

Zwei Igel hockten im Gras und froren. Sie drückten sich deshalb ganz nah zusammen und wärmten sich. Plötzlich spürte der eine, wie etwas Warmes seinen Körper hinunterrann. Wie er genauer hinschaute, merkte er, dass sie beide bluteten. Sie hatten einander mit ihren Stacheln weh getan. Sie rückten wieder voneinander weg, und jeder hockte sich ins Gras, bis sie erneut zu frieren begannen.

Da schoben sie sich halt wieder so nah zusammen, dass sie einander gerade noch Wärme genug geben konnten, und so weit weg, dass sie einander nicht weh taten.

Felix Reich

Weil ich muss

 

Ich liebe Dich, weil ich dich lieben muss;
ich liebe dich, weil ich nicht anders kann
ich liebe dich nach einem Himmelsschluss:
ich liebe dich durch einen Zauberbann.

Dich lieb’ ich wie die Rose ihren Strauch;
dich lieb’ ich wie die Sonne ihren Schein;
dich lieb’ ich, weil du bist mein Lebenshauch;
dich lieb’ ich, weil dich lieben ist mein Sein.

Friedrich Rückert

Von der Liebe

 

 

Es war einmal ein Dorf, das lag auf der einen Seite eines großen Sees. In diesem Dorf lebte ein Fährmann, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, Waren von Händlern aus dem Dorf auf die andere Seite des Sees zu bringen, weil der Transport über den Landweg um den See herum viel zu lang und zu beschwerlich war. Die Gegend dort bestand nämlich aus sehr felsigem Boden und vielen Bergen. Der Fährmann aber war trotzdem ein armer Mann, denn er hatte eine große Familie zu ernähren und die reichen Auftraggeber in seinem Dorf zahlten ihm einen Hungerlohn für seine Arbeit.

 

Eines Tages jedoch bekam der Fährmann einen großen Auftrag: Er sollte für einen reichen Unternehmer eine ganze Wagenladung voll Lebensmittel auf die andere Seite bringen. Da ihm nicht viel Zeit blieb, denn die Lebensmittel sollten nicht verderben, lud der Fährmann sofort sein Boot voll und begann mit der Überquerung des Sees. Er war sehr glücklich und freute sich schon auf seinen Lohn, mit dem er endlich alle finanziellen Sorgen los sein würde.

Als er aber die Mitte des Sees fast erreicht hatte, begann seine Fähre auf einmal zu sinken, denn die Ladung war sehr schwer – zu schwer für das kleine Boot. Dem Fährmann blieb nichts anderes übrig, als umzukehren.

 

Zu Hause angekommen, fragte er seine Freunde um Rat, denn er wollte auf den Auftrag nicht verzichten; er brauchte das Geld. Ein Freund riet ihm: „Du musst die Lebensmittel anders auf dem Boot anordnen und sie am Rand aufstapeln, nicht in der Mitte. Dann verteilt sich das Gewicht besser und dein Boot geht nicht unter.“. Dankbar machte sich der Fährmann gleich daran, den Rat zu befolgen. Wie sein Freund gesagt hatte, baute er die Ware um den Rand herum auf und ließ die Mitte frei. Zufrieden legte er ab und steuerte auf das andere Ufer zu. Als er aber ungefähr in der Mitte des Sees war, begann sein Boot abermals zu sinken und der Fährmann musste wieder unverrichteter Dinge umkehren.

 

Noch verzweifelter als vorher rief er zum zweiten Mal seine Freunde zusammen und fragte sie, was er machen solle. Da sagte ein Anderer von ihnen: „Du musst alle Ritzen verkleben zwischen den Brettern, die den Rumpf des Bootes zusammenhalten. Wenn der Boden dichter ist, dringt kein Wasser in das Boot und Du kommst mit deiner Fracht an das andere Ufer.“. Glücklich ging der Fährmann los und tat, wie ihm gesagt. Abermals machte er sich auf den Weg über den See und hatte die Mitte schon überquert. Zufrieden seufzte er, als er plötzlich merkte, dass die Fähre wieder zu sinken begann.

 

Nun war der Arme völlig hoffnungslos. Da versprach ihm ein dritter Freund die Lösung: “Du musst einfach eine andere Route auf See wählen, so dass Du den Strömungen ausweichst und den Wind immer im Rücken hast. Durch den Schwung wirst du schneller und das verhindert, dass das Boot sinkt.“. Der Fährmann wagte gar nicht mehr, darauf zu hoffen, aber da er auf den Auftrag einfach nicht verzichten konnte, startete er einen letzten Versuch – mit dem gleichen Ergebnis: das Boot begann unterzugehen, bevor es das andere Ufer erreicht hatte.

 

Traurig ging der Mann nach Hause und berichtete seiner Frau von seinem Pech. Da sagte sie zu ihm: „Warum hast du denn nicht gleich mich um Rat gefragt? Wenn du dir alle diese aussichtslosen Versuche gespart hättest, hättest du den ganzen Tag Zeit gehabt und hättest mehrmals mit jeweils einem Teil der Ware über den See fahren könne. Jetzt ist es zu spät, die Sonne geht schon unter; du musste es morgen machen. Ich werde mitkommen und dir helfen.“. Doch der Mann, der wusste, dass seine Frau nicht schwimmen konnte, verbat ihr das und nahm ihr das Versprechen ab, dass sie sich niemals auf Wasser begeben durfte, solang sie nicht schwimmen konnte. Er würde das schon morgen alleine schaffen.

 

Ärgerlich über sich selbst und über die falschen Ratschläge seiner Freunde ging der Fährmann zu Bett und nahm sich vor, am nächsten Tag ganz früh aufzustehen und es so zu machen, wie seine Frau gesagt hatte. Es würde allerdings ein anstrengendes und zeitaufwendiges Unterfangen werden und der Mann hatte schon überall Blasen vom vielen Paddeln und dem ständigen Ein- und Ausladen. Außerdem würde er seinem Auftraggeber sagen müssen, dass sich der Transport um einen Tag verschieben würde – er würde also auch weniger Lohn bekommen.

 

Als er aber am nächsten Morgen mit schmerzenden Knochen aufwachte und zu seinem Boot ging, stellte er entsetzt fest, dass die Ware verschwunden war. Erschrocken rief er den reichen Auftraggeber an und wollte ihm gerade von dem Diebstahl berichten, als dieser sich bei ihm bedankte: Die Ware wäre sicher bei seinem Kunden auf der anderen Seite angekommen. Er würde den versprochenen Lohn bald bekommen, und sogar noch etwas mehr, weil er  so zuverlässig und pünktlich gearbeitet hätte. Als der Mann das hörte, war er überglücklich und ging sofort zu seiner Frau, um ihr die freudige Nachricht zu überbringen. Als er nach Hause kam, stellte er verwundert fest, dass sie tief und fest schlief – obwohl es bereits helllichter Tag war. Zudem war ihr Haar zerzaust, ihre Kleidung schmutzig und ihre Schuhe standen neben dem Bett, als hätte sie sie eben erst dort abgestellt. Er weckte seine Frau und fragte sie, ob sie etwa diejenige gewesen sei, die die Fuhre über Nacht über den See gebracht hätte und obwohl sie ihm damit viel Arbeit erspart hatte, ihr Versprechen ihm gegenüber gebrochen hatte.

 

„Nein“, sagte sie, „ein Versprechen, dass ich Dir aus Liebe gegeben habe, werde ich niemals brechen. Ich habe die Ware die ganze Nacht um den See herum getragen.“. Da nahm der Fährmann den ganzen Lohn, den er bekommen hatte und verschenkte ihn. Denn es war ihm klargeworden, dass kein Geld der Welt jemals das ersetzen kann, was die Liebe schafft.

Stefanie Bläser

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WAS ES IST

 

 

Es ist Unsinn, sagt die Vernunft.

Es ist was es ist, sagt die Liebe.

 

Es ist Unglück, sagt die Berechnung.

Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst.

Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht.

Es ist was es ist, sagt die Liebe.

 

Es ist lächerlich, sagt der Stolz.

Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht.

Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung.

Es ist was es ist, sagt die Liebe.

Erich Fried

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Wer?

 

 

Wenn es Dich nicht gäbe,

wäre vieles anders.

Ich wäre nicht so fröhlich.

Ich wäre nicht so mutig.

Ich wäre nicht so hoffnungsvoll.

 

Wenn es Dich nicht gäbe,

wäre vieles anders.

Die Sonne wäre nicht so hell.

Der Mond wäre nicht so nah.

Der Himmel wäre nicht so blau.

 

Wenn es Dich nicht gäbe,

wäre vieles anders.

Mein Leben wäre nicht so bunt.

Mein Leben wäre nicht so grell.

Mein Leben wäre nicht mein Leben.

Diego Armando

WIE ICH DIR BEGEGNEN WILL

 

 

Ich will ...

 

... Dich lieben, ohne Dich einzuengen;

... Dich wertschätzen, ohne Dich zu bewerten;

... Dich ernst nehmen, ohne Dich auf etwas festzulegen;

... zu Dir kommen, ohne mich Dir aufzudrängen;

... Dich einladen, ohne Forderungen an Dich zu stellen;

... Dir etwas schenken, ohne Erwartungen daran zu knüpfen;

... von Dir Abschied nehmen, ohne Wesentliches versäumt zu haben;

... Dir meine Gefühle mitteilen, ohne Dich für sie verantwortlich zu machen;

... Dich informieren, ohne Dich zu belehren;

... Dir helfen, ohne Dich klein zu machen;

... mich um Dich kümmern, ohne Dich verändern zu wollen;

... mich an Dir zu freuen, so wie Du bist.

Virginia Satir

Zwei Kugelhälften

 

 
Als das Leben am Anfang stand, fielen unzählige Kugeln auf die Erde. Bei ihrem Aufprall zersprangen sie in zwei Hälften. Uneben und frei auseinander geteilt, symbolisieren sie die unterschiedlichen Charaktere zweier Menschen. Doch jede dieser auch noch so verschiedenen Halbkugeln ist für ein Gegenstück bestimmt, so wie auch zwei Menschen füreinander bestimmt sind. Wir alle sind auf der Suche nach unserer anderen Hälfte, eben nach der anderen halben Kugel. Wenn ihr glaubt, ihr habt Eure andere Hälfte gefunden, dann werdet ihr feststellen, dass die beiden halben Kugeln oft nur an einer einzigen kleinen Stelle passen, was Ihr durch sorgfältiges Drehen und Probieren herausfinden könnt. Es ist ganz natürlich, dass es am Anfang hakt und hängen bleibt. Aber genau das macht Sinn - denn: nicht alles kann von vornherein passen und übereinstimmen. Nun müssen beide an ihrer halben Kugel arbeiten, schleifen und feilen. Nur langsam und in kleinen Schritten ebnet sich dieser kantige Bruch durch das Geben und Nehmen in der Liebe. Nach einiger Zeit, wenn sich beide Hälften abgeschliffen haben, lassen sie sich fast reibungslos zu einer Kugel formen. Aber eben nur fast, genau passen - wie am Anfang unserer Zeit - darf es nie, sonst verliert man seine Persönlichkeit und das, was den Menschen an Eurer Seite ausmacht. Jedoch eines vergesst nie: Ihr sollt nicht an der anderen, sondern stets an der eigenen Hälfte feilen.

Einen Augenblick

 

Nur einen Augenblick Zeit haben
für ein Gespräch,

für einen Händedruck,

für ein Lächeln.

 

Nur einen Augenblick Zeit haben

für den anderen,
für seine Gedanken,
für seine Ängste,
für seine Freuden.

Wiebke Herich

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Liebe

"Zwei Dioptrien rechts, zweieinhalb Dioptrien links", sagte der Arzt. Er ging von der großen Tafel mit den Buchstaben und Zahlen fort zu seinem Schreibtisch zurück. Dabei kam er an der Frau vorbei, die der Tafel gegenüber saß.
Die Frau war schlank und groß, sie trug ein graues Kostüm, und ihr schwarzes Haar war kurzgeschnitten. Nun nahm sie die Probebrille ab, die der Augenarzt ihr aufgesetzt hatte, und blinzelte: "Was heißt das, zwei und zweieinhalb Dioptrien, Herr Doktor?"
"Sie sind weitsichtig, gnädige Frau. Sie müssen eine Brille tragen."
"Eine Brille ..." Die Frau zuckte zusammen. "Das ist ja furchtbar!" Sie sah aus, als wollte sie zu weinen beginnen. "Ich kann doch keine Brille tragen!"
"Unsinn", sagte der Arzt und lächelte. "Erstens geht es um ihre Gesundheit, zweitens sehen Sie ohne Brille nicht mehr genug, und drittens gibt es jetzt sehr eleganten und schöne Brillen! Ich schreibe ihnen gleich ein Rezept für den Optiker aus. Ihr Name, bitte?"
"Lucie Wiegand", sagte die Frau. Sie sah abwesend und traurig aus.
"Ihr Alter?"
"Neununddreißig." Lucie neigte sich über den Schreibtisch. "Geht es denn nicht anders, Herr Doktor? Muss ich denn eine Brille tragen?"
"Warum wehren Sie sich so dagegen?"
"Weil ich neununddreißig bin!"
"Na und? Sie sehen aus wie zweiunddreißig!"
"Danke, Herr Doktor." Lucie sagte leise: "Ich bin aber verheiratet. Und mein Mann sieht nicht nur aus wie zweiunddreißig. Er ist zweiunddreißig."
"Ich verstehe", sagte der Arzt.
"Mein Mann ist sieben Jahre jünger - und er trägt keine Brille, Herr Doktor. Ich . . . liebe meinen Mann. Ich hatte immer ein bisschen Angst in meiner Ehe . . . wegen des Altersunterschiedes . . . aber es ging gut . . . bis heute ging alles wunderbar!"
Der Augenarzt klopfte dreimal auf die Schreibtischplatte, und Lucie klopfte dreimal auf die Schreibtischplatte, und dann sagte sie gramvoll: "Weitsichtigkeit ist ein Alterserscheinung"
"Das ist nun ein noch größerer Unsinn", sagte der Augenarzt und lächelte, "so etwas will ich aus Ihrem Mund nicht mehr hören! Wenn Ihr Mann Sie bis heute geliebt hat, dann wird ihn auch die Brille nicht stören! Im Gegenteil, sie wird ihm gefallen! Sie sind ein bezaubernden junge Frau. Ich würde Sie mit und ohne Brille verehren. Wie lange sind Sie verheiratet?"
"Elf Jahre."
"Na bitte! Bedenken Sie, wie aufregend es für Ihren Mann sein wird. Sie in vielen Situationen plötzlich mit einer Brille zu sehen."
Jetzt lachte Lucie Wiegand. "Sie sind nett, Herr Doktor, sehr nett."
Lucie ging vom Arzt zum Optiker. Die Brille war am gleichen Abend fertig. Als Walter Wiegand heimkam, reif er nach seiner Frau. "Lucie, Liebling! Wo bist du?"
Zwei Arme legten sich von rückwärts um ihn. Sie flüsterte: "Erschrick nicht, wenn du die umdrehst, mein Herz..."
Er drehte sich um und sah die modisch geschwungene schwarze Hornbrille in ihrem Gesicht. Er holte tief Atem.
"Schrecklich, nicht?" fragte Lucie angstvoll.
"Schrecklich?" sagte er. "Ich bin begeistert! Du siehst so schön aus wie noch nie! Außerdem hast du doch in der letzten Zeit in der Nähe nicht mehr richtig gesehen ..."
"Eben!"
"Und jetzt wirst du wenigstens deutlich erkennen können, was ich heute entdeckt habe." Er neigte den Kopf. "Schau mal, über dem Ohr."
Sie sah genau hin. Dann sagte sie gerührt: "Ein graues Haar... "
"Das erste", sagte er. "Liebling, ich werde alt."

                                                                         Johannes Mario Simmel

Der Gärtner und der Rosenstock

Es war einmal ein Gärtner. Der konnte sich nicht entscheiden, ob er die Frau, die er liebte, nun heiraten sollte oder nicht. Eigentlich sprach nichts dagegen. Er fühlte sich in ihrer Nähe wohl, konnte mit ihr sowohl ernsthafte Gespräche führen als auch lachen, war für gemeinsame Kinder offen und wollte mit ihr zusammen alt werden. Aber natürlich beinhaltete ein lebenslanges Ja auch gewisse Risiken. Jeder kam aus einem anderen Elternhaus und würde manches in die Ehe einbringen, das zu einem Streit führen konnte. Auch änderten sich viele Menschen im Laufe der Zeit. Was wäre, wenn sie sich auseinander lebten? Würde ihre Liebe diesen Belastungsproben standhalten können? Grübelnd stand der junge Gärtner beim Rosenbeet und kam zu keiner befriedigenden Antwort.

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Das Hohelied der Liebe

(1 Korintherbrief 13,1-13)

 

 

Die Liebe ist langmütig,

die Liebe ist gütig.

Sie ereifert sich nicht,

sie prahlt nicht,

sie bläht sich nicht auf.

Sie handelt nicht ungehörig,

sucht nicht ihren Vorteil,

lässt sich nicht zum Zorn reizen,

trägt das Böse nicht nach.

Sie freut sich nicht über das Unrecht,

sondern freut sich an der Wahrheit.

Sie erträgt alles,

glaubt alles,

hält allem stand.

Die Liebe hört niemals auf.

MENSCHEN WISSEN NICHT

 

Viele Menschen wissen nicht,

wie wertvoll es ist, dass es sie gibt.

Viele Menschen wissen nicht,

wie gut es uns tut, wenn wir sie sehen.

Viele Menschen wissen nicht,

wie uns ihr herrliches Lächeln bereichert.

Viele Menschen wissen nicht,

wie wohl wir uns in ihrer Nähe fühlen.

Viele Menschen wissen nicht,

wie arm und traurig wir ohne sie wären.

Viele Menschen wissen nicht,

dass sie Engel für uns sind.

 

Sie wissen es erst,

wenn wir es ihnen sagen.

 

Rudolf A. Schnappauf

nach einer Idee von Paul Celan

Da näherte sich ein alter Mann, der für seine Frau einen Rosenstock kaufen wollte. Der Gärtner wusste, dass dieser Mann seit vielen Jahren glücklich verheiratet war. Also bat er ihn um Rat. Doch der alte Mann war so mit dem Aussuchen des Rosenstocks beschäftigt, dass es so wirkte, als habe er die Frage überhört. Er betrachtete jede Pflanze, roch an den Rosenblüten, begutachtete die Stacheln, zählte sogar die vorhandenen Knospen und blieb schließlich vor einem Rosenstock mit unzähligen dunkelroten Blüten stehen. Der Gärtner beglückwünschte den alten Mann: „Sie haben eine gute Wahl getroffen. Dieser Rosenstock ist wirklich etwas ganz Besonderes“.

Der alte Mann blieb jedoch unsicher und entgegnete: „Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich ihn wirklich nehmen soll. Oberflächlich betrachtet ist diese Pflanze makellos. Aber wer weiß, was sie für Wurzeln hat. „Schauen Sie die kräftigen Blüten und die dicken Blätter an“ sagte der Gärtner. „Der Rosenstock muss einen gesunden Wurzelstock haben, sonst wäre er nicht gewachsen.“ „Ja, das mag stimmen“, meinte der alte Mann. „Aber wer garantiert mir, dass der Rosenstock im nächsten Jahr auch so wunderbar wächst und blüht?“ „Im Moment deutet alles darauf hin“, erwiderte der Gärtner. „Aber das weitere Wohlergehen des Rosenstocks hängt natürlich auch von Ihnen ab.“ Da lächelte der alte Mann und sagte: „Ebenso verhält es sich auch mit dem Partner, den man heiraten möchte.“

Er bezahlte den Rosenstock und ließ einen nachdenklichen Gärtner zurück, der schon bald eine wichtige Entscheidung fällen sollte.

Zwei

 

Zwei sind allemal besser dran als einer allein.

Wenn zwei zusammenarbeiten, bringen sie es eher zu etwas.

Wenn zwei unterwegs sind und hinfallen, dann helfen sie einander wieder auf die Beine. Aber wer allein geht und hinfällt, ist übel dran, weil niemand ihm helfen kann.

Wenn zwei beieinander schlafen, können sie sich gegenseitig wärmen. Aber wie soll einer allein sich warm halten?

Ein einzelner Mensch kann leicht überwältigt werden, aber zwei wehren den Überfall ab.

Prediger 4, 9-12 (Übers.: „Die gute Nachricht“)

Von der Ehe

 

 

Vereint sollt ihr sein und vereint sollt ihr bleiben.

Doch lasset Raum zwischen eurem Beinandersein,

Und lasset Wind und Himmel tanzen zwischen euch.

Liebt Euch, aber macht die Liebe nicht zum Zwang.

Lieber soll sie sein ein bewegtes Meer zwischen Eurer Seelen Küsten.

Schenkt Euch ein, aber trinkt nicht aus der selben Tasse.

Biete dem anderen Dein Brot, aber esse nicht vom selben Stück.

Singt und tanzt zusammen und freut Euch,

aber Ihr müsst auch getrennt sein können, ganz wie die Saiten der Laute

getrennt sind und doch zusammen die Musik hervorbringen.

Schenkt Euch Eure Herzen, aber nicht als Besitz.

Denn Eure Herzen kann nur die Hand des Lebens umfassen.

Steht zusammen, aber kommt Euch nicht zu nah:

Denn die Säulen des Tempels sind jede für sich

Und Eichen und Zypressen wachsen nicht im Schatten voneinander.

 

frei nach Kahlil Gibran, „Der Prophet“

Lang ist die Liebe,

 

nicht langweilig,

weit ist die Liebe, nicht eng.

Unendlich ist die Liebe, nicht endend

Die Liebe trägt und verträgt den anderen.

Die Liebe wächst über Launen und Egoismus hinaus.

Die Liebe will nicht größer sein, als sie Kraft hat.

Die Liebe fragt nach dem, was dem anderen gut tut und versucht, das ihre zu tun.

Die Liebe will nicht wehtun.

Die Liebe spielt nicht versteck.

Die Liebe öffnet sich dem anderen und lässt sich erkennen.

Die Liebe teilt sich mit und teilt sich aus.

Die Liebe lebt nicht von Heimlichkeiten.

Sie bleibt offen und durchschaubar, sie verstellt sich nicht und täuscht nicht.

Die Liebe lebt von der Aufrichtigkeit.

Eine Liebe, die so ist, - trägt alle, gibt alles, hofft alles.

Eine Liebe, die so ist, braucht sich nicht auf, sondern wächst und wird größer.

(nach 1 Korinther 13)

Weil Gott in mir traut,

kann ich mir selber trauen:

ich kann mir selber treu sein,

darum kann ich es auch dir.

Wie soll ich mich getrauen,

dir zu trauen,

wenn ich nicht, dem traue,

von dem alle Treue kommt.

Wer sich von IHM trauen, betrauen und betreuen läßt,

kann trauen und ist treu.

Elmar Gruber

Die Liebe und der Wahnsinn

 

Man erzählt sich, dass alle Eigenschaften und Gefühle des Menschen eines Tages ein Treffen hatten. Lange Zeit jedoch saßen sie nur schweigend herum und langweilten sich, denn nichts passierte. Als die Langeweile schon zum dritten Mal gegähnt hatte, schlug der Wahnsinn - gewitzt und risikofreudig wie immer - vor: "Lasst uns doch Verstecken spielen!" Alle horchten auf. Die Intrige hob interessiert die Augenbrauen und die Neugierde konnte sich kaum zurückhalten. Aufgeregt fragte sie: "Verstecken, was ist das?!"

Der Wahnsinn erklärte allen das Spiel, und die Begeisterung und die Euphorie jauchzten vor Vergnügen, denn ihnen gefiel, was sie da hörten.

Die Freude machte so viele Luftsprünge, dass sie auch den Zweifel überzeugte, und sogar die Gleichgültigkeit - die sonst bekanntlich nichts hinterm Ofen hervorlocken kann - wollte ausnahmsweise einmal mitmachen. Aber nicht allen gefiel die Idee: Die Wahrheit zum Beispiel bevorzugte es, sich nicht zu verstecken.

"Was bringt das?", fragte sie, am Ende würde man sie sowieso entdecken. Der Stolz meinte herablassend, es sei ein dummes Spiel, und die Feigheit zog es vor, nichts zu riskieren. Es könnte ja was schiefgehen!

Nachdem alle die Spielregeln verstanden hatten, rief der Wahnsinn laut: "Ich will zählen, ich will zählen!". Und da niemand verrückt genug war, den Wahnsinn später suchen zu wollen, war niemand dagegen.

"Eins, zwei, drei .....", begann der Wahnsinn, und die Eigenschaften und Gefühle suchten sich ihre Verstecke.

Das erste fand die Faulheit, die sich wie immer keine große Mühe gab: Sie ließ sich gleich hinter dem ersten Stein fallen. Der Glaube stieg zum Himmel empor, wo er sich am besten aufgehoben fühlte, und der Neid versteckte sich im Schatten des Triumphes, der es geschafft hatte, bis zur höchsten Baumspitze hinaufzuklettern. Der Selbstlosigkeit hingegen gelang es kaum, sich zu verstecken, da sie bei jedem Versteck, das sie fand, immer meinte, es eigne sich besser für einen ihrer vielen Freunde: Ein kristallklarer See - ein wunderbares Versteck für die Schönheit; eine dunkle Höhle - das perfekte Versteck für die Angst; die Flügel des Schmetterlings - das Beste für das Glück; ein Windstoß - hervorragend geeignet für die Freiheit ... sie selbst versteckte sich schließlich auf einem Sonnenstrahl. Der Egoismus hingegen fand rasch einen passenden Ort, luftig, gemütlich und bequem - aber nur für ihn! Die Lüge erzählte allen, sie verstecke sich auf dem Meeresgrund, aber in Wirklichkeit versteckte sie sich hinter dem Regenbogen! Die Leidenschaft und das Verlangen versteckten sich im Innern der Vulkane, und die Vergesslichkeit - ?

Als der Wahnsinn fast zu Ende gezählt hatte, hatten alle, die mitspielten, ein Versteck gefunden, nur die Liebe nicht. Alle Plätze schienen bereits besetzt zu sein, bis sie schließlich den Rosenstrauch entdeckte und beschloss, in eine seiner Blüten hineinzukriechen.

"Ich komme!", rief in diesem Augenblick der Wahnsinn, und er begann, die anderen zu suchen. Die erste, die entdeckt wurde, war die Faulheit - gleich hinter dem ersten Stein! Danach ward der Glaube gefunden: Er diskutierte im Himmel lauthals mit Gott über theologische Fragen. Das Verlangen und die Leidenschaft wiederum hörte man in den Vulkanen vibrieren. In einem unachtsamen Moment fand der Wahnsinn den Neid und so natürlich auch den Triumph. Den Egoismus brauchte er gar nicht zu suchen, denn der kam von ganz allein aus seinem Versteck hervor - Es hatte sich als Wespennest entpuppt!

Vom vielen Herumlaufen bekam der Wahnsinn Durst, und als er sich dem See näherte, fand er die Schönheit. Mit dem Zweifel hatte er es noch einfacher, ihn entdeckte er auf einem Zaun sitzend, weil der sich immer noch nicht entschieden hatte, auf welcher Seite er sich verstecken sollte.

Nach und nach fand der Wahnsinn alle seine Mitspieler, die Hoffnung im grünen Gras und die Angst in der dunklen Höhle; die Lüge hinter dem Regenbogen. Auch die Vergesslichkeit fand der Wahnsinn mühelos, denn die hatte schon wieder vergessen, dass sie Verstecken spielen und war unbekümmert spazieren gegangen.

Alle wurden gefunden, nur die Liebe tauchte nirgendwo auf. Wo mochte sie bloß stecken? Der Wahnsinn suchte sie überall! Auf jedem Baum, auf jedem Berg, in jedem Bach dieses Planeten schaute er nach und wollte schon aufgeben, da half ihm der Verrat! Der nämlich flüsterte ihm zu, er solle doch mal im Rosenbusch nachsehen.

Langsam fing der Wahnsinn an, die Zweige des Strauches auseinander zu schieben, als plötzlich ein greller Schrei ertönte. Die Dornen der Rosen hatten der Liebe die Augen zerstochen. Ach, was für ein Jammern und Wehklagen war nun zu vernehmen?! Der Wahnsinn war ratlos und wusste weder ein noch aus. Er fing bitterlich an zu weinen und unter Tränen gelobte er, er wolle die Liebe nie mehr verlassen und immer an ihrer Seite sein.

Und so ist es auch geschehen.

Seit dieser Zeit ist die Liebe blind und der Wahnsinn ihr Begleiter…

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"Worte öffnen Wege.
Sie sind der Schlüssel zur Seele
und die Brücke zum Nächsten"

Else Pannek